08.07.2011, 06:50 Uhr 08.07.2011, 06:50 Uhr Alexander Schuller
In Altona hat die Adoption einer jungen Rabenkrähe das Zusammenleben einer Hausgemeinschaft gründlich durcheinandergewirbelt – und gefördert.
Altona. Es geschah an einem lauen Frühsommerabend, Anfang Juni etwa, als das Leben des Lukasz Chrobok eine unerwartete Bereicherung erfuhr. Der Künstler mit polnischen Wurzeln, 35 Jahre alt, saß vor seinem gemieteten Einzelhaus, einer ehemaligen Schmiedewerkstatt, inmitten eines idyllischen Altonaer Hinterhofs, der von Altbauten entlang der Esmarch- und der Virchowstraße sowie einer Großbaustelle an der Chemnitzstraße umsäumt wird. Dort wohnt er seit gut eineinhalb Jahren mit seiner Freundin Carmen und ihrem Sohn Janosch. Der Lärm der Großstadt war ausgesperrt, und die Bohrhämmer auf der Baustelle nebenan ruhten. Lukasz, vor sich ein Laptop, trug sein Eulenkostüm und hatte sich vorgenommen, sein neues Projekt, die Kunstfigur "Mc Oylä", mit Inhalten zu füllen.
Plötzlich stand eine ältere Frau aus dem Nachbarhaus am Maschendrahtzaun, der die Hinterhofgärten voneinander trennt, und sprach ihn an. Lukasz kannte sie nicht, so wie ihm fast alle Menschen, die um ihn herum wohnten, fremd waren. Die Hinterhofgärten wurden von ihnen nicht genutzt, die großzügige Sandkiste für Kinder war zum Katzenklo verkommen.
Die Nachbarin berichtete aufgeregt von einem schwarzen Vogel, der wohl schon seit Längerem im verwilderten Beet vor ihrem Fenster sitzen würde. Sie hätte ihn aber erst jetzt entdeckt, zufällig, beim Müllraustragen. Als Mann der Tat kletterte der Künstler über den Zaun aufs fremde Grundstück. Er wusste zufällig, dass es nicht einfach ist zu beurteilen, ob ein nicht flugfähiger Jungvogel versehentlich aus dem Nest geplumpst oder wegen Lebensuntüchtigkeit von den Eltern vorsätzlich geschubst worden war. Vögel sind schließlich überzeugte Darwinisten.
Der Eulenmann glaubte, einen Raben, mindestens jedoch eine Rabenkrähe zu erkennen. In diesem Moment schoss ihm der Name "Kohlrabi" durch den Kopf, denn die Entscheidung für eine Adoption war längst getroffen. Zum einen wegen der Katzengefahr, zum anderen, weil er einen eigenen Garten besaß und die Nachbarin, die er nach 18 Monaten kennengelernt hatte, nicht.
Die nächste Stunde recherchierte der Eulenmann im Internet über Aufzucht und Hege von Rabenvögeln, während "Kohlrabi" piepsend unterm Gartentisch hockte. Als Lukasz im Internet das rabenforum.de entdeckte, musste er jedoch erfahren, dass die vermeintlichen Hilfeschreie häufig in Wahrheit Bettelrufe sind, mit denen Jungvögel die Verbindung mit ihren Eltern halten. Vielleicht war "Kohlrabi" also gar kein verstoßener "Nestling", sondern bloß ein flugunfähiger "Ästling", der sein Nest freiwillig verlassen, dabei jedoch offensichtlich den rettenden Ast verfehlt hatte. Erst in diesem Moment fiel es Lukasz auf, dass über ihm die Rabeneltern kreisten und ordentlich Radau machten. Aber auch als Lukasz sich verschämt zurückzog, kam niemand zum Füttern, sodass er kurz vor Mitternacht damit begann, in Ermangelung von Mehlwürmern im Garten nach Regenwürmern und Kellerasseln zu buddeln. Carmen, die erst spät aus ihrem Designergeschäft im Stilwerk heimgekommen war, fand das nächtliche Tun ihres Freundes zwar befremdlich, opferte aber dennoch sofort eine Porzellanschale. Lukasz zermanschte seine organischen Fundsachen zu einem nahrhaften Brei, den "Kohlrabi" dankend annahm. Am nächsten Morgen war die Schale leer gepickt, "Kohlrabi" forderte energisch Nachschlag, und Lukasz zog los: Mehlwürmer kaufen.[...]
Die etwas andere Hamburger WG - Lukasz und "Kohlrabi": Zwei ziemlich schräge Vögel - Hamburg - Hamburger Abendblatt



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na den...schräge Vögel sind wir ja gewohnt 
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