Doch heute hat der Hund von BILD-am-SONNTAG-Reporterin Karolin Schneider (27) einen Termin in der Tierklinik der Freien Universität Berlin. Tierärztin Anna Dettling setzt an zum Komplett-Check: Fiebermessen, Augen- und Zahnkontrolle, Untersuchung von Schleimhäuten und Prostata. Nach knapp zwanzig Minuten ist es amtlich – David ist ein kerngesunder Hund. Das bekommen wir sogar schriftlich. „Nur in seinen Ohren hat sich etwas Dreck angesammelt. Aber das ist bei einem Hund in dem Alter nichts Ungewöhnliches“, so die Diagnose der Ärztin.
„In vielen Praxen werden gesunde Tiere zu kranken gemacht“, schreibt Tierärztin Dr. Jutta Ziegler (55) in ihrem neuen Buch „Schwarzbuch Tierarzt“ und sagt: „Nahezu alle Vierbeiner werden mit sinnlosen Impfungen, chemischen Medikamentenkeulen und Diätfuttermitteln traktiert und regelrecht krank therapiert. Die Leute denken, sie tun das Beste für ihre Tiere. Dabei tun sie das Schlimmste.“
• Praxis 1
Sie liegt in einer noblen Stadtvilla im Berliner Stadtteil Grunewald. Mit einem Otoskop guckt der Arzt in Davids linkes Ohr und stellt fest, dass es „gerötet“ ist. Auf die Bitte, ob er vielleicht noch ins rechte Ohr schauen könnte, meint der Arzt: „Ins rechte Ohr gucke ich nicht, das sieht bestimmt noch schlimmer aus.“ Er verschreibt Ohrentropfen, ohne die Anwendung zu erklären. Auf die Frage, was denn die Behandlung kostet, sagt der Arzt: „Dann machen wir mal 23 Euro.“ Eine Rechnung gibt es nicht. Nach vier Minuten sind wir mit einem Medikament in der Hand draußen. Die Ohrentropfen, so ist in der Packungsbeilage zu lesen, dürfen nur bei Pilzinfektionen angewendet werden. Und die hat David eindeutig nicht.
• Praxis 2
Eine Empfehlung des Beagle Clubs Berlin-Brandenburg. Zwei Arzthelferinnen halten David fest, während die Tierärztin in beide Ohren schaut. Ihre Diagnose: „In Davids Ohren hat sich etwas Schmutz abgesetzt, was man aber nicht medikamentös behandeln muss.“ Mit einem Wattebausch und etwas Babyöl reinigt die Ärztin Davids linke Ohrmuschel, erklärt dabei ihre Arbeitsschritte. Davids rechtes Ohr lassen wir für unseren Test weiter ungeputzt. Fazit: die richtige Diagnose, keine unnötigen Medikamente und keine Abzocke. Auf der Rechnung stehen am Ende 11,58.
• Praxis 3
Der Tierarzt hat Probleme in Davids Ohren zu schauen, weil der Beagle auf dem Behandlungstisch zappelt. Genervt bricht der Veterinär die Untersuchung nach einer Minute ab und meint: „Wir müssen Ihren Hund in Vollnarkose versetzen, um die Ohren zu untersuchen. Bitte machen Sie einen neuen Termin.“ Keine Behandlung, keine Diagnose – bezahlt werden muss trotzdem: 16,10 Euro.
• Praxis 4
Mit einer Mini-Kamera bohrt sich die Tierärztin in Davids Ohren. Vor allem im linken Ohr (das in der zweiten Praxis gereinigt wurde!) sieht die Ärztin eine akute Ohrenentzündung, „die sofort mit Antibiotikum“ behandelt werden müsste. Sie verschreibt Tropfen, die wir ins Ohr geben sollen. Das unnötige Medikament und die falsche Behandlung kosten uns 33,50 Euro.
• Praxis 5
Die Tierärztin ist spezialisiert auf Homöopathie und Naturheilverfahren. Hier werden Davids Ohren nicht untersucht, sondern massiert. „Ich muss erst seine Anspannung lösen“, erklärt die Naturheilkundlerin, während sie David mit Leckerlis beruhigt. Zwei Minuten später kommt die (ganz weltliche) Rechnung für das Ohren-Geknete: 18,25 Euro.
Unser Test zeigt: Obwohl Beagle David nur etwas Schmutz im Ohr hat, werden ihm in zwei Praxen unnötige Medikamente verschrieben, ein Arzt droht sogar mit Vollnarkose. Nur einer von fünf Ärzten erkennt, dass das Ohr nur mit etwas Watte und Babyöl gereinigt werden kann. Zurück bleiben ein verunsicherter Tierbesitzer und ein „kranker“ Hund, der eigentlich gar nicht krank ist.
BILD am SONNTAG konfrontiert Dr. Astrid Behr vom Bundesverband praktizierender Tierärzte mit dem Testergebnis: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Tierarzt ein Antibiotikum abgibt, wenn er nicht sicher ist, dass eine Infektion vorliegt. Auch die Vollnarkose ist in diesem Zusammenhang abwegig. Ich weiß nicht, warum dieser Fall so unterschiedlich gewertet wurde.“
Aber wie kann ein Tierbesitzer einen Veterinär finden, dem er vertrauen kann? Dr. Martin Schneidereit, Geschäftsführer vom Bundesverband für Tiergesundheit, rät: „Rufen Sie vorher in der Praxis an und fragen Sie, welche Kosten auf Sie zukommen. Je besser man informiert ist, desto genauer können Sie hinterfragen. Kaufen Sie sich ein Fachbuch über Ihr Tier. Und wenn es eine spezifische Erkrankung hat, sind Sie in Tierkliniken oftmals am besten aufgehoben.“
Sechs Tierärzte, sechs Diagnosen: Test einer Reporterin mit ihrem gesunden Hund - Ratgeber - Bild.de



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