Eine Legende der Brule Sioux, erzählt 1964 von Good White Buffalo auf der Rosebud Reservation
In längst vergangenen Tagen, als die Erde und die Menschen noch jung waren, waren die Krähen so weiß wie Schnee. Zu dieser Zeit hatten die Menschen weder Pferde, noch Gewehre, noch Waffen aus Eisen. Sie waren von der Bisonjagd abhängig, die ihnen genug Fleisch zum Überleben gab. Die großen Tiere zu Fuß zu jagen, mit Waffen aus Stein, war hart, unsicher und gefährlich. Dazu kam, dass die Krähen die Angelegenheit noch erschwerten. Sie waren mit den Büffeln befreundet und konnten - hoch über der Prärie kreisend - alles sehen, was unten vor sich ging. Wann immer sie Jäger erspähten, die sich einer Büffelherde näherten, flogen sie zu ihren Freunden, ließen sich zwischen deren Hörnern nieder und warnten sie: "Krah, krah, krah, Cousins, die Jäger kommen. Sie kriechen gerade jene Schlucht hoch! Sie sind dort hinter dem Hügel! Paßt auf! Krah, krah, krah!" Sobald sie das hörten, stürmten die Büffel davon, und die Menschen mußten hungern.
Doch eines Tages hielten sie eine Beratung ab und überlegten, was sie dagegen tun könnten. Nun, eine der Krähen war eine besonders riesige, doppelt so groß wie all die anderen. Diese Krähe war der Anführer der Vögel. Ein weiser alter Mann stand auf und machte einen Vorschlag: "Wir müssen die große weiße Krähe fangen," sagte er, "und ihr eine Lektion erteilen. Entweder das, oder weiterhin hungrig bleiben." Der alte Mann holte ein großes Büffelfell hervor, komplett mit Kopf und Hörnern. Er befestigte es auf dem Rücken eines jungen, tapferen Kriegers und sagte: "Neffe, misch dich unter die Büffel. Sie werden denken, du bist einer von ihnen, und du wirst die große weiße Krähe fangen können."
Verkleidet als Büffel, schlich sich der junge Mann zwischen die Herde und tat so, als ob er grase. Die großen, zotteligen Tiere ließen ihn völlig unbeachtet. Dann marschierten die Jäger aus dem Lager und folgten ihm, Pfeil und Bogen bereit. Als sie sich der Herde näherten, kamen wie üblich die Krähen und warnten die Büffel: " Krah, krah, krah, Cousins! Die Jäger kommen, um euch zu töten! Seid vorsichtig! Krah, krah, krah!" Und wie üblich stürmten die Büffel auf und davon. Alle - bis auf den jungen Jäger in seiner Verkleidung, der unter seinem zotteligen Fell so tat, als würde er weiter grasen. Die große weiße Krähe kam nach unten geflogen, landete auf den Schultern des Jägers, schlug mit den Flügeln und sagte: "Krah, krah, krah, Bruder! Bist du taub?? Die Jäger sind ganz in der Nähe, direkt hinter dem Hügel! Rette dich!" Da streckte der junge tapfere Krieger seinen Arm unter dem Fell hervor und packte die Krähe bei den Beinen. Er nahm einem Strick und band mit dem einen Ende dem großen Vogel die Füße zusammen, das andere Ende befestigte er an einem Stein. Wie heftig die Krähe auch zappelte - sie konnte nicht entfliehen.
Und wieder trafen sich die Menschen zu einer Ratsversammlung. "Was sollen wir mit dieser großen, bösen Krähe machen, wegen der wir wieder und wieder hungrig bleiben mußten?"
"Ich werde sie verbrennen!", antwortete ein erboster Jäger. Und bevor irgendjemand reagieren konnte, riß er die Krähe aus den Händen ihres Fängers und warf sie mitsamt des Strickes und des Steins ins Ratsfeuer. "Das wird dir eine Lehre sein!" sagte er.
Natürlich verbrannte der Strick, der den Stein hielt, beinahe auf der Stelle, und die große Krähe schaffte es, dem Feuer zu entfliehen. Aber sie war schlimm versengt, und einige ihrer Federn waren verkohlt.
Und so war sie zwar weiterhin groß, aber nicht länger weiß. "Krah, krah, krah!", rief sie und flog davon, so schnell sie nur konnte. "Ich werde es niemals wieder tun! Ich werde aufhören, die Büffel zu warnen, und mit mir das gesamte Volk der Krähen. Ich verspreche es! Krah, krah, krah!" Mit diesen Worten entkam der Vogel. Und seit jenem Tag sind alle Krähen schwarz.
Ouelle: Legendefuenf
Das Original ist zu finden in:
American Indian Myths and Legends
Selected and edited by Richard Erdoes and Alfonso Ortiz
Pantheon Fairy Tale & Folklore Library



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