Aasfresser! Galgenvögel! Räuber! Krähen hatten immer ein mieses Image. Zu Unrecht. Sie sind schlau, schlitzohrig und gute Imitatoren. Wenn man sie hegt, wie Tierärztin Renate Lorenz, werden sie häuslich. Berlin haben sie schon erobert: Tschüss, Tauben – die Rabenvögel kommen.

Keine einfache Übung, so zu tun, als sei man ein Krähe. Also: tief einatmen, sich ein bisschen breitmachen, mit den Schultern bedeutungsvoll hin- und herwackeln, als wolle man sich aufplustern, und dann, ganz rasch, eine zackige Verbeugung. Denn genauso begrüßen sich Krähen.

Tierärztin Renate Lorenz beherrscht die Zeremonie schon ganz gut. Sie hat das lange mit Hucky geübt.

29095


Hucky, sprich: Hacki, ist ihre zahme Nebelkrähe. Der Vogel hat einen verkrüppelten Flügel, kann im Freien nicht überleben. Kinder haben Hucky vor zehn Jahren gefunden und in die Veterinärpraxis in Lichterfelde-Ost gebracht. Nun lebt das Krähentier – aschgraues Gefieder, pechschwarzer, kräftiger Schnabel – dort in einer Volière. Jedenfalls: Wenn Renate Lorenz ihren kleinen Tanz aufführt und ihm wie ein Rabenvogel hallo sagt, grüßt Hucky zurück und verbeugt sich gleich mehrmals.

Renate Lorenz, eine resolute 63-Jährige, begrüßt einen in Jeans und Arztkittel. Im Haus und drumherum hält sie einen netten Kleintierzoo: Kanarienvögel, Mäuse, eine zahme Elster, Schildkröten. Seit 28 Jahren lebt sie hier mit ihrer Familie, arbeitet in ihrer Tierarztpraxis im Parterre des Gebäudes am Oberhofer Weg.

CHRISTOPH STOLLOWSKY