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Tierärzte, Naturschutzorganisationen, Feuerwehr: Sie alle verweisen, wenn ein Vogel Hilfe braucht, an die Vogelfrau.FOTO: KITTY KLEIST-HEINRICH


In jedem Vogel schlägt ein Herz, das sie retten kann. Bei sich daheim in Spandau pflegt Annedore Langner kranke und verwaiste Wildtiere – ehrenamtlich. Doch viele Menschen danken ihr das nicht. Eine Reportage.

von MARIS HUBSCHMID

Wenn sie zum Putzen fährt, 15 Haltestellen mit dem Bus, zwölf Stationen mit der U-Bahn, nimmt sie die Vögel in einer großen blauen Ikeatasche mit. Nicht alle natürlich – höchstens 40. Die Vögel vertragen das, ein Nest im Baum schaukelt auch, bloß für sie ist es unbequem. Es ist schon passiert, dass Mitreisende sie angeschnauzt haben: „Schalten Sie doch diesen Klingelton aus!“ Aber was soll sie machen? Die Kleinen brauchen alle halbe Stunde Futter, sonst überleben sie nicht. Und sie braucht zum Überleben den Putzjob.

Wann hat es angefangen? Viele Jahre ist das her. 30, 40. Sie hatte sich Kanarienvögel zugelegt, weil da sonst niemand war, der auf sie wartete. Eines Tages brachten Kollegen einen Specht zu ihr, der gegen die Scheibe geflogen war. Du kennst dich doch aus? Sie trug das Tier nach Hause, und es wurde gesund.

Irgendwie, sagt sie, haben die Dinge sich verselbstständigt. Irgendwann hat sie sich dem ergeben. Ihr Schicksal angenommen, mit jedem neuen Vogel. Darum steht diese Frau, 58 Jahre alt, lange, lockige rote Haare, pinkfarbener Lippenstift, kupferfarbenes Brillengestell, jetzt in ihrem Berliner Wohnzimmer inmitten von Sperlingen, Buchfinken, Dohlen, Tauben, Amseln, Drosseln. Nähert sie sich, recken sie erwartungsvoll die Hälse. Fixieren sie. Annedore Langner. „Ich bin die Vogelfrau.“

Jedes Jahr pflegt Annedore Langner bei sich zu Hause bis zu 200 kranke, verwaiste Vögel. Ehrenamtlich, 3000 unbezahlte Arbeitsstunden im Jahr. Sie tut das, „weil es sonst keiner macht“. Und weil es vielleicht, auch, wenn sie längst Arthrose in den Fingern hat und Krämpfe in den Beinen vom vielen Stehen, für sie der einzige Weg zu ein bisschen Glück ist. In jedem Vogel schlägt ein Herz, das sie retten kann. Nicht müde werden. Sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel, die Hand hinhalten.

Um fünf steht sie auf. Hat Krämpfe in den Beinen vom vielen Stehen
Von Mai bis Juli ist Hochsaison. Wenn eine Spatzenmutter ihre Kinder mehr als eine Stunde allein lässt, ist etwas falsch, bestätigt Langner einer Frau am Telefon. „Herbringen.“ In einen Karton mit Luftlöchern setzen, ein Blatt Küchenpapier drunter, eine Flasche warmes Wasser daneben, sonst nichts. Drei Wochen alt, beantwortet sie danach die Frage eines Paares, das eine Blaumeise gebracht hat. Sieht es an der Schwanzlänge.

An diesem Maitag werden noch eine Bachstelze, zwei Drosseln, vier Entenküken und eine kleine Graugans Annedore Langner erreichen. 56 Vögel pflegt sie zur Zeit. Um fünf Uhr ist sie aufgestanden. Sie hat sich ein Headset angeschafft: So kann sie Vogelfindern den Weg schildern und gleichzeitig die Futterspritzen aufziehen. Mit der linken Hand blitzschnell einen Vogel aus einem Schuhkarton greifen, gerade einen noch winzigen, nackten, mit der rechten beherzt die blassgelbe Pampe in den Rachen drücken.

Laut Bundesgesetz ist jeder Bürger in der Pflicht, ein notleidendes Wildtier, wenn er eins findet, bei einer Sammelstelle abzugeben. Berlin und Brandenburg sind die einzigen Bundesländer, die keine offizielle solche Stelle haben. Die Tierklinik Düppel nimmt verletzte Tiere an, hat aber nicht die Kapazitäten, Jungvögel aufzuziehen. Der Nabu betreibt eine Wildvogelstation, die aber auf geschützte Vögel spezialisiert ist und darüber hinaus nur eine begrenzte Zahl von Vögeln aufnehmen kann. Tierärzte, Naturschützer, die Feuerwehr: Sie alle verweisen, wenn ein Vogel Hilfe braucht, an die Vogelfrau.

Ist schon eine Strecke zu ihr raus nach Spandau, je nachdem, von wo man kommt. S-Bahn, U-Bahn, Bus, den kurvenreichen Weg hinunter, das letzte Stück zu Fuß. Dann sind die Menschen oft irritiert, schlimmer noch, verärgert, wenn Annedore Langner sagt: Eine Spende wäre nett. Haben sie nicht Zeit und Energie investiert, eine gute Tat vollbracht? Und statt einem Verdienstorden hält sie ihnen die Spardose hin. „Die vier Enten aufzuziehen kostet mich 80 bis 100 Euro“, rechnet Langner vor. Eine Krähe braucht zweieinhalb Kilo Vogelfutter, ehe sie die Pension wieder verlässt, plus Hack und Insekten. „Meine Frührente reicht vorne und hinten nicht.“

Manche glauben, sie sei ein Tiermessi. Oder betreibe einen illegalen Handel
Nicht allen gefällt diese direkte Art. Und nicht alle sind überzeugt, dass ihre Form der Unterbringung, Volieren, Hamsterboxen, Schuhkartons mit Vögeln bis an die Decke, wo vor Heiligenbildern ein ausladender Kronleuchter hängt und zu Geschrei und Geflatter noch sechs Winkekatzen winken, das Radio läuft, artgerecht für einen Wildvogel ist. Hätten es sich naturnäher vorgestellt oder, im Gegenteil, steriler. Annedore Langner hat aufgehört, die Anzeigen zu zählen, die gegen sie erstattet wurden. Sie betreibe einen illegalen Vogelhandel, mutmaßt der eine. Sie sei ein Tiermessi, diagnostizieren andere.

2008 hat sie einen Verein gegründet, Finde Vogel e.V., damit sie offiziell Spenden nehmen darf. Vor ein paar Monaten stand plötzlich das Veterinäramt mit vier Mann vor der Tür, die wollten ihr nicht die Hand geben, schildert Langner, aber nahmen mit spitzen Fingern leere Verpackungen von Antibiotika aus ihrem Küchenregal. „Sie sind nicht befugt, die zu verabreichen.“ Die Schachteln hat sie sich beim Tierarzt geben lassen, sie haben die ideale Größe, einen Spatz hineinzusetzen, zum Wiegen. Schwalben steckt sie in die Packung Hundezahnpasta.

Annedore Langner vermeidet es, Geld auszugeben, wo immer möglich. Für dieses Haus nahe den Tiefwerder Wiesen ist sie zehn Jahre containern gegangen, hat Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten geklaubt, jeden Cent, den sie entbehren konnte, zur Seite gelegt. Für den Traum vom eigenen Vogelhaus.

Streng genommen ist es mehr eine Schrebergartenhütte. Aber eine zweigeschossige, hinter dem Kühlschrank, in dem sie in einem Katzenklo Mehlwürmer züchtet, führt eine schmale Treppe hinauf, und da oben, unterm Dach, schläft sie, immer das Tschilpen und Zwitschern und Scharren im Stockwerk drunter im Ohr. Weil Anwohner sich beschwert haben, dass ständig Autos den Pfad zu ihr hinunterrumpeln und versperren, fordert sie Besucher auf, an der Straße zu parken. „Ich komme Ihnen entgegen! Habe eine gelbe Schürze an!“

Als sie neun ist, bringt ihre 13-jährige Schwester sich um
Bis vor fünf Jahren hat Annedore Langner in einer 56-Quadratmeter-Wohnung in Wedding gelebt. Jetzt hat sie sogar einen kleinen Garten, mit Schuppen. Da beäugte die Abordnung des Veterinäramts die weißen Mayonnaise- und Schmalzeimer vom Imbiss an der Hauptstraße, von Annedore Langner mühevoll ausgewaschen, in denen sie das Futter aufbewahrt.

Weil es in den Zoohandlungen dieser Stadt nichts gibt, mit dem man Wildvögel großziehen könnte, mischt sie es selbst: aus getrockneten Seidenraupen, Heimchen, Vitaminen, Mineralstoffen, Eipulver, Haferflocken. Mahlt alles mit ihrer Severin Kaffeemühle. „Haben Sie eine Genehmigung für die Herstellung von Futtermitteln?“, fragte die Dame vom Veterinäramt. „Hören Sie auf, mich zu jagen“, hat Annedore Langner gebeten. „Ahnen Sie nicht, wie viel Kraft mich das kostet?“ Mit Daumen und Zeigefinger gezeigt: „Ich bin so kurz davor, aufzuhören.“ „Dann hören Sie doch auf“, habe die Dame geantwortet.

Drei Wochen zuvor hatte man Annedore Langner im Roten Rathaus den Tierschutzpreis der Stadt Berlin verliehen. Mit Laudatio und Sektempfang. Die Staatssekretärin würdigte „die herausragende Einzelleistung, mit der sie sich um den Vogelschutz in der Stadt Berlin verdient gemacht“ habe.

Annedore Langner ist in Lüden bei Dortmund aufgewachsen. Die Mutter kam aus Schlesien, der Vater, ein Goldschmied, aus Polen. Sie waren Zeugen Jehovas, Annedore galt ihnen als schwieriges Kind. „Ich bin verdroschen worden, das wollen Sie nicht wissen. Ich lag auf der Couch und hatte nicht mal mehr Hunger.“ Auf einem Kongress der Zeugen Jehovas lässt sich ihre Schwester im Alter von 13 Jahren erst taufen und nimmt sich dann mit Zyankali, das der Vater aus dem Krieg mitgebracht hat, das Leben. Annedore ist neun. „Du hast deine Schwester in den Tod getrieben“, halten ihr die Eltern vor. Die Schläge werden härter. Da sind Bilder in ihrem Kopf, auf denen ihr eigenes Blut von der Wand läuft. Schließlich lassen sich die Eltern scheiden, Annedore kommt in eine Pflegefamilie mit acht anderen Pflegekindern.

Annedore Langner hat Schneiderin gelernt, ist zur See gefahren, als Stewardess auf einem Tanker. Später schob sie Nachtwache in einem Pflegeheim. Im Alter von 23 lernte sie ihren 20 Jahre älteren künftigen Ehemann kennen, ging mit ihm nach Berlin. Auch er verprügelte sie, bis sie ihn verließ, sich von der Nachtwächterin zur Gerontologieschwester umschulen ließ. Wunden salben, trockenen Mündern Flüssigkeit einflößen, Hintern waschen: Sie ist den Menschen näher gekommen, als den meisten angenehm ist. Und hat sich doch dieser Spezies Mensch immer ferner gefühlt.

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Verhärmt hat man sie schon als junges Mädchen genannt, griesgrämig. In ihrer Unsicherheit kippt sie häufig ins andere Extrem: „Ich drück Sie, ich hab Sie lieb“, sagt sie auch denen, mit denen sie zum ersten Mal spricht.

Bei Vögeln trifft sie immer den richtigen Ton. Ahmt sie verblüffend gut nach. Annedore Langner hat Vogelkundebücher gelesen und Tierärzte befragt, aber im Zweifel konnte sie sich stets auf ihre Intuition verlassen. Mit jedem Schützling hat sie an Selbstbewusstsein gewonnen, nahm ihre neue Identität weiter Form an.

Kommt nicht alles Leben aus dem Ei? Ein Vogel zerstört die Welt, die er kennt, um geboren zu werden. Irgendwie galt das auch für sie.

Im Januar, draußen drei Grad und Schneeregen, sitzt einzig Abraxas aus der Friedrichstraße bei ihr auf einer Stange. Eine ausgewachsene Saatkrähe mit gebrochenem Flügel. „Silvesterrakete“, sagt Langner. Sie hat einzelne Federn aneinander gebunden, führte man den Verband um den gesamten Körper, würde der Vogel am Atmen gehindert. Er muss sich aufplustern können. Wenn alles gut läuft, versteift der Flügel funktional, kann Abraxas wieder fliegen, wenn auch nicht wie früher. Eine Krähe wechselt ihre Federn nur alle anderthalb Jahre. Die Operation würde mehrere hundert Euro kosten, „das zahlt keiner“.Im Tiefkühlfach bewahrt Langner tote Vögel auf, deren Federn sie anderen transplantieren kann. Mit einem kleinen Hölzchen und Spezialkleber.

Fast scheint es so: Je besser sie die Vögel versteht, desto weniger versteht sie die Menschen. Zum Kopfschütteln ist ihr die Welt geworden, in der Kinder alles über Pinguine und Eisbären lernen, aber nicht wissen, was der Vogel vor der eigenen Haustür braucht. Eine Kohlmeise, die man mit Erdnüssen füttert, stirbt an Darmverschluss. Ein Rotkehlchen, dem man ein Nest aus einem Wollschal baut, an Unterkühlung.

In 100 Jahren wird es keinen Vogelzug mehr geben
Die Vogelfrau holt einen Hunde-„Gassibeutel“ hervor, bläst ihn auf. „Das Innere eines Vogels ist wie ein Luftsack.“ Die Körpertemperatur beträgt 40 Grad. Wenn er krank ist, kann er die Körpertemperatur nicht halten. Dann schrumpft der Sack. Annedore Langner erkennt eine Gehirnerschütterung bei einem Stockentenerpel an seinen Pupillen und eine Lungenentzündung bei einem Spatz am Piepsen. Deswegen darf man Vogelbabys kein Wasser geben! Sie können nicht trinken!

„Hören Sie mal“, sagt sie in ihrem Garten und legt den Zeigefinger auf die Lippen. Nichts. „Unsere Wälder werden immer stummer.“ 80 Prozent aller neugeborenen Vögel überleben das erste Jahr nicht. In Langners Siedlung hat jeder zweite eine Katze. Pestizide töten Insekten, die wichtigste Nahrungsquelle der Vögel. Immer häufiger landen bei Annedore Langner Tiere mit verkrüppelten Füßen und Schnäbeln. Seit letztem Jahr bekommt sie vermehrt blinde Elstern, auch Harald, ein Star, hat nie Augen besessen. Bei Annedore Langner darf er eine wichtige Aufgabe übernehmen: Gesellschaft leisten. Andere genesen schneller, wenn er daneben sitzt.

In der Nacht des 22. Juni vergangenen Jahres stand die Polizei mit einem kleinen Falken vor ihrer Tür. „Haben Sie nur den einen?“, hat Langner gefragt. „Der muss noch Geschwister haben.“ Am Morgen klingelte dann das Technische Hilfswerk und brachte den anderen. Sturmtief „Paul“ hatte das Nest aus dem Baum gefegt.

Auch mit extremer Hitze können viele Vögel nicht umgehen. Hunderte junge Nebelkrähen und Eichelhäher verrecken, weil die durstigen Eltern in echter Not dem Instinkt folgen, das eigene Überleben über das ihrer Kinder zu stellen.

„In 100 Jahren wird es keinen Vogelzug mehr geben“, sagt Annedore Langner. „In 40 werden wir es merken.“ In diesem Sommer beobachtet sie ein epidemisches Grünfinkensterben. „Die Vögel sind unsere Geigerzähler“, sagt sie.

Die Vögel sind ihre Triebfeder. Für sie geht sie putzen
Langner blickt zur Uhr. Am Nachmittag will der Nabu kommen, zehn Drosseln und zwei Mauersegler abholen, die in die Freiheit entlassen werden können. Zwölf Jahre sind vergangen, seit Vertreter der Organisation bei ihr anfragten, ob sie ihre Partnerin werden wolle. Es bedeutet nicht, dass der Nabu ihr Geld gibt, es bedeutet in erster Linie, dass er froh ist, ihre Nummer rausgeben zu können. Lästig ist, dass sie seitdem für jedes Tier ein Stammblatt ausfüllen muss, Finder, Fundort, Datum der Einlieferung, Zustand und so weiter. Aber Annedore Langner ist dankbar, dass der Partner das Auswildern übernimmt.

Wiederholt hat die Vogelfrau gefragt, ob die Organisation ihr Raum zur Verfügung stellen könne. Aber allen fehlt Geld. Langner hat Konzerne angeschrieben, die mit einem Vogel im Logo werben. Doch die antworteten, man unterstütze nur kulturelle oder soziale Projekte.

Und so muss sie es aus eigener Kraft schaffen. Die Vögel sind ihre Triebfeder: Für sie steht sie auf, für sie macht sie weiter. Für sie geht sie putzen.

Es ist ein Lebenswerk – ein kleines vielleicht, aber ein nützliches. Annedore Langner gefällt der Gedanke, dass irgendwo ein Vogel sein Lied singt, der in ihrer Hand lag, aufwuchs und fortflog.

Wenn selbst die Vogelfrau einem Vogel nicht mehr helfen kann, lässt sie ihn vom Tierarzt einschläfern. Acht von zehn Findelkindern, die sie unter ihre Fittiche nimmt, schwingen sich irgendwann wieder gen Himmel auf. Sie trauert um jeden, der den direkten Weg nimmt.

Vom Veterinäramt hat sie noch nichts wieder gehört. Was, wenn ihr eines Tages tatsächlich verboten werden sollte, das hier zu tun?

„Meine Identität ist, die Vogelfrau zu sein“, sagt Annedore Langner. „Wenn man mir das nimmt, löse ich mich auf.“ Dann gehe sie selbst zurück zur Natur. Sie habe alles da, um zu sterben.
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